Billig-Mops in Not
Zunächst möchte ich eine Sache klar stellen, damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bereue nichts und ich würde es wieder tun, hätte ich aber gleich gewusst, wie schwierig es wird, hätte ich wahrscheinlich gekniffen. Aber ich will am Anfang beginnen.
Anfang Februar vor genau einem Jahr wurde Lilly, damals noch Jutta, von ihrem Vorbesitzer im Tierheim abgegeben. Die Tierheimleiterin und sämtliche Mitarbeiter konnten ihr Entsetzen kaum verbergen, als sie dieses kleine, arme Wesen sahen. Lilly war ein halbes Jahr alt, hatte bis auf wenige Büschel im Nacken, kein Fell mehr. Ihre Haut war eine einzige eitrig-blutige, geschwollene Fläche, das rechte Auge war ausgelaufen und quoll hervor – sie sah aus wie ein kleiner Alien. Von dem unterschied sie sich allerdings durch absolute Bewegungslosigkeit (sieht man von regelmäßigen Zitterschauern ab, die den kleinen Körper schüttelten). Das kleine Hündchen stank zum Himmel. Der Vorbesitzer sagte, er habe kein Geld mehr für den Tierarzt, käme mit dem Hund nicht mehr zurecht und verlangte 200 € - immerhin nur die Hälfte von dem was er an den Züchter bezahlt habe, das sei ja ein reinrassiger Mops.
Natürlich zahlte das Tierheim kein Geld, nahm aber das arme Tier auf.
Die Diagnose des Tierheimarztes: Ein aufgebrochenes, unbehandeltes Hornhautgeschwür des Auges hat zu dessen Erblindung geführt, starke Schmerzen sind die Folge. Eine schwere Staphylokokkeninfektion der Haut war ausgelöst durch schweren Demodex-Milben-Befall, Herzrhythmusstörungen, und ein insgesamt sehr schlechter Allgemeinzustand, angegriffene innere Organe wie Milz und Leber – der kleine Organismus befand sich kurz vor dem Kollaps. Zudem lag eine Missbildung des Knochenskeletts vor, das rechte Vorderbein steht merkwürdig nach außen die Pfote weist eine verkrüppelte Zehe auf, das Gangbild des Junghundes ist gestört.
Was war geschehen?
Die Vorgeschichte ist nur in Bruchstücken bekannt, man kann sich einiges zusammenreimen:
Das in D. lebende russische Ehepaar A. wünschte sich einen Mopswelpen, die hiesigen Züchter-Preise schienen ihnen jedoch zu hoch für einen so kleinen Hund. Zum Glück gab es auch andere Angebote für erheblich weniger Geld. Da war beispielsweise der Züchter in Moskau, der mit Welpen für nur 400 € warb. Das Paar ließ sich eine Hündin aus Moskau schicken. Papiere gab es nicht, aber einen Impfpass mit Foto des etwas dünnen Welpen - Jutta. Schon bald nach Ankunft im neuen Zuhause schien der kleine, 8 Wochen alte Hund nicht ganz in Ordnung zu sein. Er hatte merkwürdige dunkle, kahle Flecken im Fell. Die Nachfrage beim Züchter ergab: Futterallergie, das deutsche Hundefutter ist schuld, nicht schlimm, anderes Futter und alles wird gut. Es wurde aber nicht gut, der Hund begann sehr bald auch unangenehm zu stinken. Also war dann doch irgendwann der Weg zum Tierarzt notwendig, zumal das Tier nicht sehr schön aussah und die Leute das Paar daraufhin schon ansprachen. Der Tierarzt vermutete ebenfalls eine Allergie und spritzte Cortison. Leider wurde die Sache nicht besser, das Vertrauen zum Tierarzt war nun erloschen und zu teuer war er sowieso. Mal abwarten, dachte sich das Paar. Jutta bekam ein Jäckchen an, so sah man nicht so deutlich, dass sie kein Fell mehr hatte. Aber hinaus ging man sowieso nicht mit der Kleinen, das war dann doch zu unangenehm. Irgendwann sah dann auch das Auge merkwürdig aus, aber jetzt war es eh schon egal, der Hund ist krank, die Tierarztkosten zu teuer, der Züchter hat wohl betrogen, so dachten sie, die Kleine musste ins Heim.
Zum Glück, kann man im Nachhinein nur sagen, denn Jutta hätte nicht viel länger überlebt.
Die Demodikose, die sie wahrscheinlich aus ihrem russischen Zwinger von einer Mutterhündin mitbrachte, die unter unwürdigen Zuständen einen Wurf Welpen nach dem anderen gebären musste und ihr schwaches Immunsystem direkt an ihre Babys weitergab, war schon auf dem Welpenbild im Impfpass sichtbar gewesen. Das Hornhautgeschwür im Auge hätte mit Augensalbe behandelt und geheilt werden können, es war sehr wahrscheinlich auch das Ergebnis des allgemein sehr schwachen Gesundheitszustandes des Welpen.
Der Tierheimtierarzt bereitete sehr bald nach der Aufnahme des todkranken Möpschens eine Notoperation vor, das blinde Auge wurde entfernt, es bereitete dem Tier rasende Schmerzen und schwächte das Immunsystem zusätzlich. Erst danach konnte eine Therapie der Haut sinnvoll beginnen. Ob das kranke Hündchen die OP allerdings überleben würde, war sehr fraglich.
Die OP verlief glücklicherweise gut, als das kleine, nun gewaschene und ganz und gar kahle Hündchen mit zugenähter Augenhöhle und Tropf in seiner Aufwachkiste lag und wieder selbstständig atmete, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel und bat für ihr ab jetzt folgendes neues Leben.
Mithilfe starker Medikamente gegen Entzündung und Milbenbefall entwickelte sich langsam ein anderes kleines Hündchen: Das Fell wuchs seidenweich, die Augenhöhle verheilte, das Möpschen wurde fröhlich und hatte ein lustiges, argloses Wesen, trotz all der schlimmen Erfahrungen. Nach sieben Wochen konnte es das erste Mal die Quarantänestation verlassen und mit einem kleinen Dackel spielen. Die Tierheimleiterin weinte vor Rührung.
Hätte der Tierheimarzt eine Rechnung gestellt, hätten die Kosten der OP, der Medikamente, die drei Monate lang gegeben wurden und der intensiven Pflege die 1000 €-Grenze längst überschritten.
Als Lilly Mitte April bei mir einzog, hörte sie auf den Namen „Möpschen“, sie war so zart und kindlich und holte ihr Welpenalter nach, dass ich fand, sie hatte etwas von einem kleinen Märchenwesen, ich nannte sie Lilly.
Schon in der ersten Woche ohne Medikamente erkrankte sie an einem schweren Virusinfekt der Atemwege, der hohes Fieber, Husten und starke Atemnot zur Folge hatte. Sie kämpfte erneut und rang einen Tag und eine Nacht mit dem Tod. Zwei Wochen mit Antibiotika, Hustensaft und großen Sorgen dauerte ihre Genesung.
Die Kosten: 180,- €.
Wenige Wochen nach Abklingen des Infektes wurden wieder kahle Flecken im Fell sichtbar: Die Demodex-Milben hatten den Organismus während der Krankheit zurückerobert. Erneut mussten die teuren antiparasitären Medikamente gegeben werden, zusätzliche Aufbaupräparate wurden notwendig.
Kosten der Medikamente: 90,- €
Wenige Tage später kniff Lilly ihr verbliebenes Auge zu. Sie schien Schmerzen zu haben. Sofort fuhr ich mit ihr zum Arzt, kaum auszudenken, wenn sie auch noch dieses Auge verlieren sollte. Diagnose: Netzhautverletzung, Therapie: OP, Antibiotika, Salben und Schmerzmittel über mehrere Wochen.
Kosten: rund 250,- €.
(Später sollte sich herausstellen, dass auch diese Augenverletzung möglicherweise ein Hornhautgeschwür war, Folge ihres schwachen Immunssystems.)
Lilly wurde im Frühsommer 2006 ein Jahr alt und hat bis dahin Tierarztkosten von weit mehr als 1500,- € verursacht. Zuzüglich Kaufpreis und Fracht kommen wir schon auf 2000,-€ - wohlgemerkt: Im ersten Lebensjahr! Ein gesunder vitaler Mops bei einem verantwortungsvollen Züchter hätte zwischen 1200,- € und 1500,-€ gekostet. Aber er hätte eine schöne mopsgerechte Welpenstube gehabt, wäre mit seinen Geschwistern bei der Mutter mit Familienanschluss bis zur 10. oder 12. Lebenswoche aufgewachsen, wäre ein wackeres, properes Möpschen geworden, ohne jede traumatische Erfahrung von Trennung und Transport. Anschließend hätte er den optimalen Start für eine gesunde Junghundezeit gehabt, außer für Routinecheck und Impfungen hätte er eine Tierarztpraxis nicht besuchen müssen. Seine Familie hätte viel Spaß an ihm und seiner lustigen, frechen Mopsart gehabt.
Lilly ist nun eindreiviertel Jahre alt, hatte zwischenzeitlich noch zwei weitere Rückfälle in die Demodikose mit Fellverlust und Staphylokokken-Infektion, verbunden mit immensen Tierarztkosten und erholt sich gerade sehr langsam von dem letzten Schub. Eine schwere Medikamentenvergiftung durch die notwenigen hohen Gaben des Anti-Milben-Mittels in Verbindung mit vorübergehender Erblindung war die Folge. Ständige bronchiale Infekte und Fieberschübe sind weitere Auswirkungen ihres angeborenen schwachen Immunsystems. Immer wieder mache ich mir zwischendurch Gedanken, ob dieses Leben für sie noch lebenswert ist. Da sie aber zwischen ihren langen Krankheitsphasen auch immer wieder starken Lebenswillen und viel mopsige Lustigkeit zeigt, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sie irgendwann ein schönes Leben führen darf, auch wenn sie schon heute unter Arthrose wegen ihres missgebildeten Knochenskeletts leidet. Die Tierarztkosten werden nie enden!
„Gelohnt“ hat sich der günstige Kaufpreis für niemanden! Höchstens für ihren gewissenlosen „Züchter“ in Moskau.
Antje Bollmann mit Mops Lilly
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